Liebe Leserinnen und liebe Leser,

Stress begleitet unser gesamtes Leben. In meiner Hausarztpraxis fallen mir junge, sehr motivierte, sowie engagierte Männer un Frauen auf. Andererseits lerne ich auch Ältere kennen, die ein Bild von Frustration bieten: Unzufrieden mit sich und ihrer Umwelt, die sich „erschöpft – verbittert – ausgebrannt“ fühlen; mit einem Wort „ausgepowert“.
Tendenziell zeigt sich dieser Zustand bei Frauen eher als „emotionale Erschöpfung“. Bei Männern sind die Anzeichen stärker in Form von „Ironie, Sarkasmus, Zynismus“ ausgeprägt. Mutmaßlich sind das zwei Seiten einer Medaille. „Männer wollen gut sein, Frauen wollen es gut machen.“ „Was ist in dieser langen Phase zwischen Idealismus und Zynismus geschehen?“, frage ich.


Stress entsteht im Kopf

Oft werden die äußeren Umstände verantwortlich gemacht. Doch die bestimmen unser Handeln nicht eigentlich, sondern mehr unsere Sicht auf sie. Stress entsteht immer im Kopf. Auf meine Frage: „Was wollen Sie selbst?“ fällt vielenspontan dann meist nur ein, ,was sie nicht wollen’. Häufig gilt Stress dabei geradezu als Statuszeichen. Dabei zeugt diese Form von Stress häufig nur von einem schlechten Umgang mit den eigenen Ressourcen bezüglich „Zeit und Nerven“. Als besonders gefährdet gelten Berufsgruppen, die mit vielen unterschiedlichen Menschen arbeiten.
Hohes Arbeitstempo, beträchtliche Ansprüche, unterschiedliche persönliche Lebenssituationen sind Konstellationen, die zur Entstehung des Burnout- Syndroms beitragen. Diese sind relativ gut erforscht und bekannt, werden jedoch im Alltag zu wenig beachtet. Gewöhnlich entsteht eine Burn-out-Krise durch das Zusammenspiel äußerer Umstände wie Arbeitsüberlastung, Termin- und Zeitnot, schlechtem Betriebsklima gepaart mit zu hohen Ansprüchen an sich selbst: „Das schaff’ ich schon“; „Ich kann ihn doch nicht enttäuschen“.
Burn-out bedeutet nicht notwendigerweise Schwäche oder Erfolglosigkeit des Einzelnen. Burn-out ist ein langfristig in Phasen ablaufender Prozess. Am Beginn stehen häufig idealistisches Überengagement und besonderer Leistungswille, zu denen sich allmählich eine subtile Vernachlässigung der eigenen Bedürfnisse gesellt.
Dann beginnen jedoch Ermüdung und Frustration stärker zu werden, die Bereitschaft anderen zu helfen sinkt. Manchmal wird eine (Über)- Kompensation in der Freizeit gesucht, teilweise zusammen mit dem Konsum von Alkohol, Nikotin, Beruhigungsmitteln. Die Folgen stellen sich schleichend ein: Der Raubbau an Körper, Geist und Seele. Erste körperliche Symptome wie Schlaf- oder Konzentrationsstörungen können auftreten. Gleichzeitig mit dem nachlassendem Engagement tritt eine depressive Grundstimmung immer mehr in den Vordergrund, oft gepaart mit gleichzeitiger Unruhe und Rastlosigkeit.
Die Betroffenen werden ihrer Umwelt gegenüber zunehmend gleichgültig, auch enge Freundschaften und die Familie werden vernachlässigt und das Leben verflacht zusehends.


Schleichender Prozess

Motivationsverlust, Leistungsabfall, innere Kündigung, Schwierigkeiten mit Beziehungen und Familie, Rückzug in die Isolation, Verlust des Arbeitsplatzes, Verzweiflung, Sinnleere, Selbsttötungsgedanken. Besonders erschwerend ist, dass Burn-out ein unmerklich schleichender Prozess
ist und bestehende Probleme dabei oft übersehen oder verleugnet werden.


Erkennen und Akzeptieren

Gerade dies macht es so schwierig, Menschen zu erreichen und ihnen helfen zu können. Das wichtigste Korrektiv in diesem Teufelskreis ist es, die Krankheit rechtzeitig zu erkennen und vor allem, sie zu akzeptieren, das heißt, sie sich selbst gegenüber einzugestehen. Spätestens zu diesem Zeitpunkt ist professionelle Hilfe dringend nötig, um den Prozess noch umkehren zu können.
Die Leistungsfähigkeit in Beruf und Privatleben, aber auch die Fähigkeit, Gefühle zu empfinden, haben bereits deutlich nachgelassen. Auch das Gefühl, gar nicht mehr man selbst zu sein, gewissermaßen „neben sich zu stehen“, und der Eindruck einer inneren Leere machen sich breit.
Auch körperliche Probleme sind häufig zu beobachten wie zum Beispiel Herz-Kreislaufprobleme und Magen-Darm-Beschwerden, Schmerzen, chronische Müdigkeit, Lustlosigkeit und sexuelle Funktionsstörungen sowie gehäufte Infekte.
In den späten Stadien schließlich besteht eine schwere Depression bis hin zur Selbstmordgefährdung. Dann ist eine stationäre Behandlung unumgänglich.
Für mich als Arzt und Psychologe erscheint die frühe Vorbeugung erfolgversprechender als eine späte Therapie. Die üblicherweise gegen Burn-out empfohlenen Ratschläge umfassen Maßnahmen am Arbeitsplatz zur Verbesserung gefährdender Arbeitsbedingungen, Techniken zum besseren Umgang mit Stress inklusive Entspannungstechniken, zudem persönliches Zeitmanagement sowie Fort- und Weiterbildung.
Wesentlich ist ebenso die Stärkung sozialer Systeme (Familie, Freunde, private Aktivitäten), um so gleichsam Gegenwelten zur beruflichen Tätigkeit aufzubauen.


Vermeiden durch Vorbeugen

Als Wege aus dem Burn-out und Behandlungsmöglichkeiten nennen Ärzte und Psychologen vor allem eine gesunde Lebensführung: Ausreichenden Schlaf, körperliche Aktivität (Sport), gesunde Ernährung, Alkohol und Kaffee in Maßen, Nikotin meiden. Entspannungstechniken, Hobbys und das Aufrechterhalten von Kontakten mit Freunden und Verwandten gehören unbedingt dazu.
Nahezu alle Therapien enthalten Anweisungen, was zu tun ist, wenn das Kind in den Brunnen gefallen ist, und nicht wenige widmen sich ausdrücklich den Möglichkeiten zur Abdeckung des Brunnens.

Für Ihre Gesundheit alles Gute,
Ihr Wolfgang Woynar

Herzlichst Ihr Wolfgang Woynar


Die Freude am Beruf sichert unseren Erfolg!

In zu vielen deutschen Behörden, Ämtern, Betrieben und Firmen haben zu viele Menschen bereits „innerlich gekündigt“. Am häufigsten betroffen sind Arbeiter und Angestellte der mittleren Führungsebene.

Sie haben die „Sandwich-Position“, das heißt: Sie haben den Druck ihrer Vorgesetzten auszuhalten und gleichzeitig die Erwartungen ihrer „Kunden“ und Mitarbeiter zu erfüllen.
Das bedeutet Stress pur – für alle Beteiligten – beruflich und privat. Und ist außerdem nachteilig für die Effektivität und Produktivität, schädlich für die Arbeitsqualität.
In der täglichen ärztlichen Praxis stöhnen Menschen zunehmend, sie seien „leer, kraftlos, ausgebrannt“. Sie klagen: „Ich brauche dringend eine Pause“, „Mein Akku ist leer“, „Ich kann nachts kaum noch schlafen vor lauter Stress“ oder „Ich bin reif für die Insel“.


Individuelle Behandlung

Manch einer ist erschöpft und braucht Erholung, mehr nicht. Wenn aber die körperlichen, seelischen und sozialen Folgen von Stress unübersehbar sind, ist professionelle Hilfe angesagt. Die individuelle Behandlung von negativen Stressfolgen habe ich in zahlreichen Vorträgen, Seminaren und Beiträgen, unter anderem im Gesundheits-Forum der NORDSEE-ZEITUNG, ausgeführt.
Das „Burn-out-Syndrom“ ist wahrlich keine Trenddiagnose. Aber man tut gut daran, nicht zu schnell von Burn-out zu sprechen und zunächst zu prüfen, ob es sich etwa (noch) um eine den Einzelnen überfordernde Situation, eine depressive Episode oder wirklich um Burn-out handelt.
Lange wurde die Krankheit vorwiegend mit sozialen Berufen in Zusammenhang gebracht. Vor allem Lehrer, Krankenschwestern oder auch Sozialarbeiter galten als Risikogruppen. Davon ist man inzwischen abgekommen.
Den Experten zufolge leiden Führungskräfte am Burn-out- Syndrom vor allem, weil sie zu wenig bis kein Privatleben haben. Burn-out kann alle treffen. Denn Burn-out ist nur zu einem kleineren Teil durch persönliche Dispositionen oder Verhaltensweisen der Betroffenen verursacht. Die individuellen Faktoren dürfen zwar nicht unterschätzt, aber auch nicht in den Vordergrund gestellt werden.
Zum besseren Verständnis des Krankheitsbildes versuche ich, die drei wichtigsten Faktoren herauszuarbeiten:

1. Burn-out ist weniger eine Schwäche des einzelnen betroffenen Menschen.
Burn-out hat einen klaren Bezug zur Arbeitswelt. Die Arbeits- und Organisationsgestaltung beeinflusst im Wesentlichen das Krankheitsgeschehen.
Praxiserfahrungen zeigen, dass Burn-out stark durch störende Arbeitssituationen gefördert wird. Dem gilt es mit geeigneter Organisationsgestaltung zu begegnen.

2. Burn-out ist kein akutes Ereignis, es entwickelt sich schleichend.
Die ausgebrannte Person verhält sich lange Zeit – oft über Monate oder Jahre – unauffällig. Wenn schon deutliche Symptome vorhanden sind, ist die Krankheit so weit fortgeschritten, dass nicht nur für den betroffenen Mensch, sondern auch für das private und berufliche Umfeld eine Problemsituation geschaffen ist. Flexibilität und Kreativität sind reduziert, die Wahrnehmung eingeschränkt. Fehlbeurteilungen und Fehlentscheide häufen sich.

3. Das Erleben von emotionaler Erschöpfung und reduzierter Leistungsfähigkeit erzeugt ein immer unpassenderes (Sozial-)Verhalten beim Betroffenen.
Der Abbaus der Persönlichkeit beginnt. Der Kontakt mit den Kollegen und Kunden wird zunehmend stärker als Strapaze erlebt, der Ausgebrannte meidet alle Arten von Begegnungen. Das Sozialklima ist für alle Beteiligten beeinträchtigt – mit negativen Folgen für Zusammenarbeit und Leistungsfähigkeit.
Wie kann man trotz hohem Druck und Stress die persönlichen und betrieblichen Ressourcen, und zudem die eigene Stresstoleranz erhöhen? Dieser Ansatz erfordert eine veränderte Sichtweise, indem tägliche Arbeit nicht nur als Stressfaktor, sondern ebenso als Chance betrachtet wird. So lassen sich die Arbeit und Organisation aus Sicht der positiven, unterstützenden Faktoren beeinflussen und gestalten.

Gesundheitsbewusst leben

Neben den gesundheitsfördernden Verhaltensweisen (gesunde Ernährung und Sport), für die ein jeder selbst Verantwortung trägt, sind dies:

• Eine variable und abwechslungsreiche Arbeit
• Ein genügender Entscheidungs- und Kontrollspielraum
• Die Möglichkeit, nicht Stückwerkarbeit, sondern einen umfassenden Arbeitsprozess verfolgen zu können.
• Ein positives Sozialklima: Arbeit muss in gutem sozialen Umfeld eingebettet sein.
• Die überdauernde qualitative wie quantitative Unter- wie Überforderung vermeiden.
• Durch gezielte Arbeitsorganisation sind positive Herausforderungen zu erzeugen.

Die persönlichen „Reserven“ sind vielfältig: Die innere Kraft, die uns das Gefühl gibt, den Herausforderungen des Lebens gewachsen zu sein, fördert die Stresstoleranz und ist maßgebend für unser gesundheitliches Wohlbefinden.


Der lange Weg zur chronischen Erschöpfung

• Anfangs wollen Sie sich beweisen und fühlen sich Ihrer Aufgabe verpflichtet (Idealist)
• Der Verdienst/die Anerkennung entspricht nicht Ihrer Leistung: Einsatz verstärken
• Vernachlässigen Ihrer Bedürfnisse: Familie, Freunde, Freizeit werden zurückgestellt
• Erste Konflikte werden verdrängt: Ärger auf der Arbeit Spätestens jetzt ist professionelle Hilfe nötig
• Sie deuten die Konflikte um: „Arbeit ist wichtiger als ich“, „Stress als Statussymbol“
• Sie gaukeln sich vor, dass es Ihnen selbst gut geht. Ansprüche der Familie, von Freunden werden verkannt, abermals zurückgestellt
• Sozialer Rückzug
• Familie, Freunde, Mitarbeiter beobachten Veränderungen des Verhaltens und Erlebens
• Ihre Persönlichkeit verändert sich. Typische Anzeichen: Ironie, Sarkasmus, zunehmende emotionale Erschöpfung
• Sie entwickeln Angstzustände, „Gefühl der inneren Leere“
• Das Stadium der behandlungspflichtigen Depression ist erreicht
• Am Ende steht die völlige Erschöpfung. Lassen Sie es niemals dazu kommen!

Jede Maschine wird gewartet – jeder Mensch braucht seine Betreuung!

 

Dr. med. Wolfgang Woynar
Facharzt für Allgemeinmedizin
woynar@hausarzt-bremerhaven.de
www.hausarzt-bremerhaven.de