Liebe Leserinnen und liebe Leser,

unseren Vorfahren, den Germanen, wird nachgesagt, dass sie bei wichtigen, wahrscheinlich aber auch bei unwichtigen Entscheidungen nach dem Motto verfahren sind: „Besoffen beraten, nüchtern entscheiden!“

Welches junge Paar, das heute frisch verliebt am Weserdeich sitzt, greift zur Thermoskanne mit Kamillentee? Arglos wird Alkoholisches genossen! Welcher runde Geburtstag, welche Silberhochzeit, welche Beerdigungsfeier ist denkbar, bei der die Gäste auf Bier und Wein, Doppelkorn und Prosecco verzichten und dementsprechend trocken und nüchtern das Fest oder die Trauer durchzuhalten?

Lockend ist die Wirkung von Alkohol. Alkohol befreit von Schmerzen. Er verleiht Ängstlichen Mut. Alkohol intensiviert den Schlaf. Wie LORIOT berichtet, soll Alkohol auch zur Erziehung eingesetzt worden sein: „In meiner Schulzeit hatte mein Vater mir für jede fehlerfreie Arbeit in den Fächern Griechisch und Mathematik ein Glas Champagner in Aussicht gestellt. Ich bin infolgedessen völlig ohne Champagner aufgewachsen“.

Wer schreibt, trinkt auch: Alkoholnebel liegt über der Weltliteratur.
Goethes Weinkonsum ist penibel festgehalten, E.T.A. Hoffmanns Fahne bekannt.
William Faulkner – ein starker Alkoholiker, der zwischen der Nachricht, dass er den Nobelpreis erhält und der eigentlichen Verleihung nur einmal kurz nüchtern war, um seine Rede zu verfassen. Ernest Hemingway – ein Alkoholiker auch er. John Steinbeck – gewissen Zeugnissen zufolge ein „beidhändiger Trinker“. Auch die deutschsprachige Literatur der Gegenwart – von dem armen Trinker Joseph Roth bis zu Uwe Johnson- wäre ohne Alkohol nicht denkbar. In der Literatur wird Wasser selten erwähnt, außer zum Verdünnen von Wein.

Da mag bei mancher Frau die Hoffnung aufkeimen, dass in dem seltsamen Geschöpf, das da seit Jahren auf dem Sofa mit der Bierflasche hockt, vielleicht doch ein unsterbliches Genie steckt. Andererseits kann festgehalten werden, dass bei Frauen der Alkoholkonsum linear mit dem Einkommen zunimmt, insofern scheint die erfolgreiche Geschäftsfrau, Unternehmerin hier besonderen Gefährdungen unterworfen zu sein.

Leisten wir uns einen kleinen Schwenk in Richtung Ärzteschaft. Scherzhaft könnte man sagen: Alkoholiker ist man dann, wenn man mehr trinkt als der behandelnde Arzt. Denn Ärzte sind keine Abstinenzler, das Abhängigkeitsrisiko dieser Berufsgruppe ist 30-100mal höher als in der Durchschnittbevölkerung. Das könnte eine Erklärung dafür sein, dass manifester Alkoholismus so selten erkannt und therapeutisch angegangen wird.

Wie das bei Juristen ist, weiß ich aus naheliegenden (rechtlichen) Gründen nicht zu sagen. Originellerweise wird in einem preußischen Edikt die Volltrunkenheit nicht als Strafminderungsgrund - sondern als Verschärfungsaspekt angesehen. Das hat mir zu denken gegeben. Auch die Tatsache, dass man „das Laster als Steuerquelle“ schätzt. Ganz gleich ob der „Saufgulden“ Strafcharakter hat oder als öffentlich rechtliche Steuer anzusehen ist.

Für Ihre Gesundheit alles Gute
wünscht Ihnen Ihr wolfgang woynar


Trinkmotive Jugendlicher:

- Für richtige Stimmung sorgen
- Bessere Kontaktaufnahme
- Ärger herunterspülen
- Bessere Entspannung
- Mehr Selbstvertrauen
- Langeweile vertreiben
- Von Schwierigkeiten ablenken
- Zur Gruppe dazugehören
- „Imponieren“ und viele andere

Typische Strukturen in Suchtfamilien:

- Die Sucht wird als Familiengeheimnis behandelt
- Die Familie hat „Beschwörungsformeln“ entwickelt, die erklären, warum sie kein Problem haben.
- In der Familie gibt es mehr als einen Süchtigen, insbesondere die Ehefrau hat mit hoher Wahrscheinlichkeit einen suchtkranken Vater
- Die Kinder wirken oft frühreif. Sie werden als „Partei“ durch einen Elternteil genutzt: z.B. ersetzt der Sohn der Mutter durch Fleiß und Zuwendung das, was der süchtige Vater nicht mehr bringt.
- Sexueller Missbrauch und körperliche Gewalt sind häufiger als in der Normalbevölkerung. Dabei gibt es sowohl die Gewalt durch Suchtkranke als auch die Gewalt an Suchtkranken.

Kleiner Selbsttest: Sind Sie alkoholsüchtig?

Was als »moderater« oder gesundheitlich unbedenklicher Alkoholkonsum gilt, ist Definitionssache. Die Deutsche Hauptstelle gegen die Suchtgefahren (DHS) hält bei Frauen zwei »Alkoholeinheiten«, bei Männern drei Einheiten pro Tag für »risikoarm«,
(als Alkoholeinheit jeweils ein Achtel Wein oder ein kleines Bier gilt; ein Glas Schnaps oder andere harte Getränke zählen als 1,5 Einheiten)
Doch diese Mengen sagen über das individuelle Suchtverhalten wenig aus. Denn das bemisst sich weniger nach der Trinkmenge, als vielmehr danach, ob man seinen Konsum selbst kontrolliert – oder von ihm kontrolliert wird.

Zur schnellen Diagnose, ob ein Patient auf dem Weg in die Sucht ist, nutzen Ärzte den folgenden Test:

1. Haben Sie jemals daran gedacht, weniger zu trinken?
2. Haben Sie sich jemals über andere Menschen geärgert, weil diese Ihr Trinkverhalten kritisiert haben?
3. Haben Sie sich jemals wegen Ihres Trinkens schuldig gefühlt?
4. Haben Sie jemals morgens Alkohol getrunken, um sich nervlich zu stabilisieren oder einen »Kater« loszuwerden?

Wer mindestens zwei dieser Fragen mit Ja beantwortet, hat mit großer Wahrscheinlichkeit ein Alkoholproblem. Wer drei oder alle vier Fragen bejaht, sollte dringend mit seinem Hausarzt reden.

Herzlichst Ihr Wolfgang Woynar

Alkohol: Genuss oder Gift

„Flatrate-Saufen“

Warum weniger nehmen, wenn man auch mehr kriegen kann? Beim Telefon, beim Handy und beim Internet ist das doch auch eine tolle Sache. Da surft man, bis man den Festpreis raus hat – und freut sich über jede kostenlose Minute. Schnäppchen machen ist geil, und die Jugend zieht mit.

Sogenannte Flatrate-Partys machen exzessive Besäufnisse besonders leicht. Das teuflische Prinzip: Einmal zahlen, trinken bis zum Umfallen! Jugendliche Kampftrinker machen die Rechnung auf: „Wenn ich soundsoviel Cocktails trinke, habe ich den Eintrittspreis raus. Alles darüber bekomme ich quasi gratis.“

Sollten solche Veranstaltungen verboten werden?
Bereits geltende Bestimmungen im Jugendschutz- und Gaststättengesetz besagen, dass Bier, Wein und Sekt in Deutschland nicht an unter 16- Jährige abgegeben werden dürfen, sogenannte branntweinhaltige Getränke nicht an unter 18- Jährige. Warum werden geltende Gesetze nicht streng genug umgesetzt?

Deutsche Jugendliche sind Spitze – beim Saufen. "Das was man tut, tut man bis zum Umfallen." Die Besorgnis um eine "relativ kleine Gruppe von Jugendlichen" wächst, die das "Kampftrinken und Komasaufen" als eine Art Sport betreibt. Im Vergleich mit 21 Industrienationen trinken nur die britischen Kinder mehr Alkohol als die deutschen.

Die Gründe sind vielschichtig.
Das zentrale Problem ist, dass der Alkoholkonsum fest in unserer deutschen Tradition verwurzelt ist. Wein und Bier gelten bei uns als Kulturgut. Bei Jugendlichen führt das positive Image dazu, dass Trinkfestigkeit als erstrebenswerte Eigenschaft und vermeintliches Zeichen der Reife gilt.
Eine wichtige Rolle spielt sicherlich die Werbung, die Alkohol als Genussmittel verklärt.
Die Alkoholindustrie sucht neue Absatzmärkte und hat die junge Zielgruppe klar im Visier.

Fakten:
Dem Rausch- und Nervengift fallen jährlich allein in Deutschland rund 40.000 Menschen zum Opfer.

Statistisch scheint es so, dass die gesamte Gesellschaft immer süchtiger wird. Richtig aber ist: Die Mehrzahl – auch der Jugendlichen - trinken zwar generell weniger, aber wenige konsumieren dafür umso mehr.

Zuweilen wird der Eindruck erweckt: Da wächst eine Generation junger Säufer heran, die sich ohne Sinn und Verstand die Rübe zuknallt.
Das ist falsch: seit 30 Jahren sind die Jugendlichen nicht so vernünftig mit Alkohol umgegangen wie heute. Unter den 12- bis 25-Jährigen hat sich der Konsum von Bier, Wein und Spirituosen seit 1979 halbiert. Bei harten Getränken stagniert der Verbrauch. Einen kurzfristigen Anstieg gab es nur für den Konsum von Mixgetränken. Zu verdanken ist der vor allem den Alkopops, einer Mischung aus Limonade und Hochprozentigem. Aber das Interesse an solchen Modedrinks hat massiv abgenommen, seit die im Juli 2004 hoch besteuert und der Verkauf an unter 18-Jährige verboten wurde. In der Summe muten sich die Minderjährigen deshalb immer weniger Alkohol zu.

Aber auf pubertäres Wetttrinken ("Binge drinking": wenn man fünf oder mehr Gläser Alkohol in rascher Folge hinunterstürzt). scheinen die 12- bis 17-Jährigen immer weniger Lust zu haben.

Der Anteil der Risikotrinker hat zugenommen
Warum also diese Panik? Was Alkohol betrifft sind Kinder heute ja offenbar viel vernünftiger als die nun so besorgte Elterngeneration. Völlig grundlos ist die Aufregung um jugendliche Komasäufer trotzdem nicht. Eine kleine Gruppe Minderjähriger lebt nämlich doch gegen den Trend –– und dieser wilde Haufen zieht derzeit die gesamte Aufmerksamkeit auf sich. Während die Masse der Jugendlichen immer gesünder lebt, bechert eine Minderheit, bis alle Lichter ausgehen.
Von der Kneipe in die Klinik: insgesamt sind das 0,2 Prozent der gesamten Altersgruppe, weit über die Hälfte davon männlich.

Saufen wie die Alten
Ein rein jugendliches Phänomen ist das nicht – es betrifft die gesamte Gesellschaft. Auch unter den Älteren ab 26 Jahren gibt es immer mehr, die völlig ohne Maß und Verstand trinken. 63.000 Menschen wurden im vorvergangenen Jahr mit einer Alkoholvergiftung in die Klinik eingeliefert. Im Jahr 2000 waren es noch 41.000. In der öffentlichen Diskussion kommen diese Erwachsenen leider nicht vor. Nur die Kinder, die ihrem Beispiel allzu eifrig folgen.

auf Ex: Bildung egal - Exzess der Wohlbehüteten?
Junge Gymnasiasten stehen ihren gleichaltrigen Hauptschülern in nichts nach. Und die älteren Gymnasiasten trinken genauso oft auf Ex wie Berufsschüler im gleichen Alter. Die üblichen Klischees scheinen jedenfalls nicht zuzutreffen. Vermehrt betroffen jedoch sind Jugendliche der bürgerlichen Mittelschicht. Umso entsetzter reagieren Pädagogen, Eltern und die Politiker. Warum gerade die? Von der Unterschicht ist man ja so einiges gewohnt, aber doch nicht von denen, scheint so mancher zu denken.

 

Dr. med. Wolfgang Woynar,
FA für Allgemeinmedizin