Liebe Leserinnen und liebe Leser,

„Ich bin gar nicht fein zuwege, Herr Doktor“, so beginnt manch ein Patienten-Arztgespräch. Auf meinen aufmunternden Blick hin, folgt dann schon mal die Aussage: „Kann das kann am Wetter liegen?“ – „Oder ist das Rheuma?“, fragt der Patient mit entsprechenden Gesten auf verschiedene Körperteile, die ihm wehtun.

Damit sind wir schon mitten im umfangreichen Thema des heutigen GESUNDHEITSForums. Denn Rheuma ist keine einheitliche Krankheit und auch keine Diagnose im engeren medizinischen Sinne. Zirka 400 verschiedene Formen sind bekannt. Rheuma hat viele Gesichter. Rheuma ist verbunden mit Schmerzen, Entzündung, Schwellung: Verdickte und verformte Gelenke, die stetig zunehmend versteifen. In der hausärztlichen Praxis treten Erkrankungen des rheumatischen Formenkreises in unterschiedlicher Weise in Erscheinung:

Sie befallen Gelenke, Bänder und Sehnen, Muskeln und Knochen, in seltenen Fällen auch innere Organe. Sie verursachen Schwellungen, Schmerzen mit der Folge eingeschränkter Beweglichkeit. Grundsätzlich kann eine rheumatische Erkrankung in jedem Lebensalter auftreten. Die Ursachen sind bedauerlicherweise höchst mannigfaltig. Ärzte unterscheiden drei Formenkreise des Rheuma:

• Die Gruppe, die auf chronisch-entzündliche Selbstzerstörungsprozesse im Sinne einer Autoimmunerkrankung zurückzuführen ist

• Jene Krankheiten, denen ein degenerativer („Verschleiß-“) Prozess zugrunde liegt

• Schließlich weichteilrheumatische Erkrankungen, die Strukturen der Gelenke betreffen, also Muskeln, Sehnen und Bänder.

Entzündliche Gelenkserkrankungen („Arthritis“) werden mit der Endung „-itis“ (zum Beispiel „Arthritis“) benannt; degenerative Erkrankungen mit der Endung „-ose“ („Arthrose“).
Die Arthritis, also die Entzündung von Gelenken, ist weitaus am Häufigsten. In diese Gruppe gehört die „Rheumatoide Arthritis“, auch „Chronische Polyarthritis“ (cP) genannt, bei der fast alle Gelenke entzündet sein können. Beim „Bechterew“ sind die Gelenke zwischen den Wirbeln entzündlich befallen. Aber auch Muskeln (Polymyalgie) und das Bindegewebe (Kollagenosen) können betroffen sein.

Häufige Diagnose: Arthrose

Sehr häufig sind Arthrosen. Diese Stoffwechselstörung des Gelenkknorpels kann an allen über 200 Knochen beim Menschen auftreten. Diese degenerativen rheumatischen Erkrankungen plagen zwar häufig ältere Menschen, daher die wenig einfühlsame Bezeichnung „Verschleiß“. Aber auch Jüngere bleiben davon nicht verschont.
Weichteilrheumatismus tritt auf in lokalisierten Formen, zum Beispiel als „Tennisellbogen“ oder in generalisierter Form („Fibromyalgie“). Hier sind Sehnen, Bänder und Gelenke schmerzhaft gereizt oder entzündet.
Stoffwechselstörungen wie die Gicht (Überschuss an Harnsäure) und Osteoporose (Knochenschwund) fallen ebenfalls unter den Sammelbegriff Rheuma. Zunehmende Bedeutung erlangen in Theorie und Praxis die sogenannten Autoimmunerkrankungen. Hier spielen bestimmte Antikörper eine zentrale Rolle im rheumatischen Krankheitsgeschehen.
Ihnen, lieber Leserinnen und Leser, sind diese lebenswichtigen Moleküle wohl bekannt. Denn die leisten im Kampf gegen bedrohliche Bakterien oder Viren ganze Arbeit. Doch durch einen „Irrtum“ der Natur angestiftet, kann unser Immunsystem Antikörper auch ungünstig gegen eigene Körperzellen produzieren. Das stellt auch Ärzte vor schwierige, teilweise nicht lösbare Aufgaben.

Was tun gegen Rheuma

Als Betroffener fragen Sie natürlich, was kann ICH selbst tun, um mit Rheuma gut zu leben. Die Ernährung spielt eine wesentliche Rolle.
Die oft zitierte Rheumadiät gibt es aber nicht. Sie sollten die generellen Richtlinien der gesunden Ernährung einhalten, vor allem Fett und gesättigte Fettsäuren meiden; also bitte pflanzliche Öle verwenden. Für viele Menschen, die in steter Regelmäßigkeit wegen Schmerzen Ihren Hausarzt, Orthopäden oder Rheumatologen aufsuchen müssen, kann das jedoch auch letztendlich heißen: Es gilt mit der Krankheit und nicht für sie zu leben. Akzeptieren Sie dann „Ihr“ Rheuma als eine chronische Krankheit, die der ständigen ärztlichen Betreuung bedarf, aber nicht Ihren Lebensinhalt darstellen darf.


Für Ihre Gesundheit alles Gute,
wünscht Ihnen Ihr
Wolfgang Woynar

Herzlichst Ihr Wolfgang Woynar


Die häufigsten rheumatischen Erkrankungen


Autoimmunerkrankungen
Rheumatoide Arthritis ist eine entzündliche Systemerkrankung der Gelenke unbekannter Ursache. Genetische Faktoren sowie Umwelteinflüsse spielen eine wichtige Rolle für den Krankheitsverlauf und das Ausmaß des Entzündungsprozesses.

Morbus Bechterew ist eine entzündlich-rheumatische Erkrankung, die langsam fortschreitet und vor allem zur Bewegungseinschränkung und Krümmung der Wirbelsäule führt. Einzelne oder mehrere
Gelenke können vollständig versteifen: Nachweis über eingenetisches Merkmal.

Psoriasis-Arthritis: chronische Gelenkentzündung, die bei bis zu 20 Prozent der Patienten mit Psoriasis (Schuppenflechte) auftreten kann. Die Ursachen sind weitgehend unbekannt.

Morbus Crohn
: chronische Darmentzündung, die meist den letzten Dünndarmabschnitt und den Dickdarm befällt, aber auch Gelenke, Wirbelsäule und Augen befallen kann.


Verschleißprozesse
Arthrose ist eine nicht-entzündliche Gelenkerkrankung, die vorwiegend durch einen Abbau des Gelenkknorpels und des darunter liegenden Knochens gekennzeichnet ist.
Sie ist die häufigste Ursache für Gelenkschmerzen und betrifft bei den über 50-Jährigen bis zu 80 Prozent der Bevölkerung. Ursache sind Umbauprozesse im Knorpelgewebe und im gelenknahen Knochengewebe. Dabei kommt es zu einer Störung des Gleichgewichts im Knorpelstoffwechsel, wobei der Abbau von Knorpelsubstanz überwiegt.


Weichteilrheumatische Erkrankungen
Unter diesem Begriff fassen Mediziner eine Reihe von Erkrankungen zusammen. Sie reichen von einer harmlosen Muskelverspannung über einen „Tennisellbogen“ bis hin zur Sehnenscheidenentzündung.
Häufige Ursachen sind Abnutzung, Kälte, Fehlhaltungen, Überbeanspruchung, etc. Die Folge sind Schmerzen in den sogenannten Weichteilen – also in Muskeln, Bändern, Sehnen, Sehnenscheiden und Schleimbeuteln. Beim lokalisierten Weichteilrheuma konzentrieren sich die Schmerzen auf eine bestimmte Stelle. Im Gegensatz dazu treten sie beim „generalisierten Weichteilrheuma“ am ganzen Körper auf.
Die Behandlung besteht im Wesentlichen aus entzündungshemmenden und/oder muskelauflockernden Substanzen, gegebenenfalls Kortison, und wird ergänzt durch Bewegungstherapie und Entspannungsübungen des Patienten.


Therapie: Was ist zu tun?

Um maßgeschneiderte Hilfe zu erreichen, werden in der klassischen Rheumatherapie vor allem die nicht-steroidalen Antirheumatika (NSAR) und Kortison eingesetzt. NSAR werden bei allen rheumatischen Erkrankungen verwendet, denn sie wirken schmerz- und entzündungshemmend.
Kortison wirkt am stärksten entzündungshemmend und ist daher bei der Behandlung von entzündlich-rheumatischen Erkrankungen – zumindest zeitweise – unerlässlich.
Ärzte treten dafür ein, Kortison weder zu verdammen noch zu verharmlosen: Sein Nutzen für den Patienten ist in höher als das Risiko.


Was können Sie selbst tun?


Mit ausgewogener Ernährung, viel Bewegung und ergänzenden Behandlungsmethoden kann die Lebensqualität von Rheumapatienten verbessert werden.
Eine bewusste Lebensweise kann die medikamentöse Therapie wirkungsvoll unterstützen. Wichtig sind eine ausgewogene Ernährung, viel Bewegung und gute Körperhaltung. Fisch, Geflügel, Obst, Gemüse und Vollkornprodukte sowie hochwertige Pflanzenöle wie Weizenkeimöl, die Omega- 3-Fettsäuren enthalten, sollten auf dem Speiseplan ganz oben stehen.
Daneben können Vitamin C und Vitamin E entzündungshemmend wirken. Kalzium und Vitamin D ist gut für die Knochensubstanz.
Mit Vorsicht genießen sollten Rheumatiker hingegen tierische Nahrungsmittel, da in ihnen Arachidonsäure enthalten ist. Arachidonsäure kann Schmerzen, Entzündungen und Schwellungen der Gelenke fördern. Sie findet sich in Wurst, fettem Fleisch, Milch, Eiern und Käse. Diese Nahrungsmittel sollten daher eher selten gegessen werden.


Tipps für Rheumatiker

• Essen Sie nicht mehr als zwei Fleischmahlzeiten pro Woche, ohne Wurst und Innereien.

• Zwei- bis dreimal wöchentlich eine Fischmahlzeit.

• Essen Sie täglich frisches Obst und Gemüse.

• Verzichten Sie auf Speck, Butter und Schweineschmalz. Verwenden Sie Pflanzenöle, Diät- und Sonnenblumemargarine.

• Stärken Sie Ihre Knochen täglich mit einem halben Liter fettarmer Milch, einer großen Portion Quark, Joghurt oder zwei Scheiben Käse.

• Eigelb ist nicht „das Gelbe vom Ei“: Maximal zwei pro Woche.

• Essen Sie ballaststoffreich. Vollkornnudeln, Naturreis und Kartoffeln machen satt, aber nicht dick.

• Trinken Sie mindestens zwei Liter täglich. Meiden Sie Alkohol.

• Gewichtskontrolle: Übergewicht belastet entzündete Gelenke zusätzlich.


Habe ich rheumatoide Arthritis?


Eine Hilfe zu dieser Frage sind die Klassifikationskriterien des „American College of Rheumatology“.

1. Morgensteifigkeit in den Gelenken über mindestens 60 Minuten

2. Arthritis (= Gelenkentzündung) mit Schwellung und/ oder Erguss in drei oder mehr Gelenkbereichen

3. Arthritis im Bereich der Hände (Handgelenke, Fingergrund- und -mittelgelenke)

4. Symmetrische Arthritis (auf beiden Körperseiten sind die gleichen Gelenke von der Entzündung betroffen)

5. Nachweis von Rheumaknoten

6. Nachweis des „Rheumafaktors“ im Blutserum

7. Typische Veränderungen im Röntgenbild (zum Beispiel Entkalkungen, Gelenkspaltverschmälerungen, Zysten, Erosionen)

Eine rheumatoide Arthritis liegt mit hoher Wahrscheinlichkeit vor, wenn mindestens vier Symptome auftreten. Bestehen die Merkmale eins bis vier seit mindestens sechs Wochen, ist die Diagnose sehr wahrscheinlich.
Aufmerksam werden sollten Sie, wenn Sie morgens, nach dem Aufstehen, steife Fingergelenke bemerken, kein Faustschluss möglich ist, Sie sich die Schuhe nicht zubinden oder eine gefüllte Tasse halten können.

Der Rheuma-Selbsttest

Fast jeder leidet irgendwann im Laufe des Lebens unter Schmerzen im Bewegungsapparat. Meist verschwinden sie genauso schnell, wie sie gekommen sind.
Manchmal bleiben sie aber bestehen, oder kommen immer wieder. Dies können bereits Anzeichen für eine chronische rheumatische Erkrankung sein, die in jedem Lebensalter auftreten kann. Bei Verdacht auf Rheuma sollte so rasch wie möglich ärztlicher Rat eingeholt werden. Beantworten Sie einfach die Fragen. Die Auswertung kann Ihnen und Ihrem Hausarzt erste Hinweise geben, ob Ihre Beschwerden rheumatischer Natur sind.
Je früher mit der richtigen Behandlung begonnen wird, desto besser. Mit modernen Rheuma Medikamenten können schwere Folgeschäden gelindert werden. Sie lindern nicht nur die Schmerzen, sondern sorgen vor allem dafür, dass Entzündungsprozesse und die damit verbundene fortschreitende Zerstörung der Gelenke gestoppt werden.

Entscheidende Fragen

• Leiden Sie unter Gelenkschmerzen, die nicht auf eine Verletzung oder einen Unfall zurückzuführen sind?

• Haben Sie Gelenkschwellungen an Fingergelenken?

• Wenn ja, sind diese Schwellungen eher teigig weich (und nicht knöchern hart)?

• Leiden Sie an einer Steifigkeit in den Fingern, die länger als 30 Minuten dauert?

• Haben Sie Schmerzen beim Händedruck?

• Schmerzen die Knie- oder Hüftgelenke bei den ersten Schritten und „läuft es sich dann ein“?

• Schmerzen die Gelenke beim Treppe abwärts gehen?

• Haben Sie häufig Rückenschmerzen und treten diese vor allem nachts oder frühmorgens auf?

• Haben Sie Schwierigkeiten sich zu bücken, um ein Kleidungsstück vom Boden aufzuheben?

• Tut Ihnen der gesamte Körper weh?


Wenn Sie eine oder mehrere dieser Fragen mit „Ja“ beantworten, sollten Sie Ihren Hausarzt aufsuchen.