Liebe Leserinnen und liebe Leser,

wenn zwei das dasselbe Wort gebrauchen, dann meinen beide noch lange nicht das dasselbe. Am Beispiel „Betreuung“ lässt sich das Problem anschaulich darlegen.

„Wenn ich die Betreuung für meine Mutter übernehme: muss ich sie dann windeln und füttern? Das kann ich gar nicht, ich bin doch berufstätig und habe auch noch selbst Kinder!“
„Muss ich, wenn mein Vater jetzt nach seinem Schlaganfall ins Heim geht, als Betreuer seinen Umzug machen? Wie denn, ich kann mich ja selbst kaum bewegen!“
Diese oder ähnliche Bemerkungen fallen oft, wenn Familienangehörige vom Vormundschaftsrichter befragt werden, ob sie bereit sei, die „Betreuung“ für die Mutter oder den Vater zu übernehmen, wenn diese krankheitsbedingt auf Hilfe angewiesen sind.
Oder auch die Aussage: „Frau B. hat doch einen Betreuer, der kümmert sich ja überhaupt nicht, wozu ist der denn überhaupt da“. Es folgen ausführliche Schilderungen von diversen Mängeln, und überhaupt sei der Betreuer doch dazu da, „sich zu kümmern…“. Und auch die Betroffenen selbst klagen darüber, dass „ihr“ Betreuer ja nie Zeit habe, man könne sich mit ihm ja gar nicht unterhalten, er komme vorbei, stelle ein paar Fragen und dann sei er wieder weg.
In unserem alltäglichen Sprachgebrauch verstehen wir unter „betreuen“: sich umfassend um jemanden „kümmern“, ihn pflegen, ihm persönliche Zuwendung geben. Wenn es aber darum geht, eine gesetzliche „Betreuung“ zu beantragen, zeigt sich, dass die Juristen etwas völlig anderes damit benennen. Der Gesetzgeber hat diesem Wort nämlich im Bürgerlichen Gesetzbuch (BGB) in den Paragrafen 1896 und folgenden einen viel engeren Sinn unterlegt, der vielfach zu Missverständnissen und Ärger führt.
Nach dem Gesetzestext (§ 1902 BGB) vertritt der Betreuer den Betreuten in den angeordneten Aufgabenkreisen rechtlich – und mehr nicht. „Betreuung“ im Rechtssinn ist (nur) ein gesetzlich geregeltes Vertretungsverhältnis für Menschen, die krankheitsbedingt ihre Angelegenheiten ganz oder teilweise nicht mehr selbst wahrnehmen können. Der Betreuer muss also den Betroffenen nicht selbst pflegen, muss ihn nicht „umsorgen“, nicht den Umzug in ein Heim durchführen oder ihn im Rollstuhl spazieren fahren.
Was macht der „rechtliche“ Betreuer denn dann, fragen Sie sich? Nun, der „organisiert“: Er bestellt einen Pflegedienst, besorgt über die Krankenkasse den Rollstuhl, überprüft
die Einstufung in die Pflegestufe, schließt den Heimvertrag ab und kontrolliert dessen Einhaltung – immer als Vertreter des betroffenen Menschen und immer vorausgesetzt, das Gericht hat auch den entsprechenden Aufgabenkreis angeordnet. Die rechtliche Vertretung, wie der Gesetzestext sie vorsieht, schließt andererseits natürlich nicht aus, dass der Betreuer eine ganz enge persönliche Bindung zu dem Betreuten hat und sich um ihn und seine Sachen mit großer Wärme und Hingabe und weit über die rechtliche Verpflichtung hinaus kümmert. So ist es, Gott sei Dank, vielfach, vor allem dann, wenn der Betreuer der Ehegatte oder ein Kind ist, zu dem ein tiefes Vertrauensverhältnis
besteht.
Mit seiner „Minimallösung“ – nur rechtliche Vertretung des Betroffenen – hat der Gesetzgeber berücksichtigt, dass es vielfach keine Angehörigen mehr gibt; oder aber, dass zwar Kinder da sind, die aber weitab leben oder aus persönlichen Gründen nicht als gesetzliche Vertreter in Betracht kommen; oder aber, auch das kommt vor, dass sich die Familienangehörigen aus gegenseitigem Misstrauen nicht einigen können, wer die rechtliche Betreuung/Vertretung übernehmen soll. In allen diesen
Fällen wird das Vormundschaftsgericht die rechtliche Vertretung/Betreuung einem Berufsbetreuer übertragen, der seine Tätigkeit in der Regel nach Pauschalsätzen abrechnet.
Zwar hatte der Gesetzgeber sich vorgestellt, dass ein Berufsbetreuer nicht zu viele Betreuungen übernehmen solle, damit er sich ausreichend und möglichst sehr persönlich um seine Klienten
kümmern könne. Andererseits sind die abrechnungsfähigen Pauschalsätze inzwischen so niedrig festgesetzt worden, dass ein Betreuer, um davon leben zu können, schon sehr viele Betreuungen übernehmen muss. Mit der Folge, dass die Betreuten sich nicht ausreichend betreut fühlen.
Und schließlich, auch das gehört zum Verständnis der „rechtlichen“ aber auch jeder anderen Betreuung: betreuen ist nicht „bevormunden“.
Wenn also die Mutter die Tapete in ihrer Wohnung gerne rosa gestrichen haben möchte, dann wird das gemacht, auch wenn die Tochter als Betreuerin rosa nicht leiden kann. Dasselbe gilt, wenn die Betroffene in das Heim A möchte, das aber für die betreuende Tochter ungünstig liegt. Abgekürzt: der Betreuer setzt als gesetzlicher Vertreter die Wünsche des Betroffenen so um, wie dieser es täte, wäre
er daran nicht durch seine Krankheit gehindert – vorausgesetzt, es ist genügend Geld für die Erfüllung des Wunsches vorhanden oder beschaffbar und die Umsetzung
ist dem Betreuer zumutbar.
Deutsche Sprache, schwere Sprache. „Betreuen“ im alltäglichen Sprachgebrauch und „betreuen“ im Rechtssinn meinen also etwas ganz anderes. Wie einfach wäre es doch gewesen, hätte sich der Gesetzgeber der Formulierung in Österreich angeschlossen: dort heißt der Betreuer „Sachwalter“ – und jeder weiß Bescheid.

Für Ihre Gesundheit alles Gute,
Ihr Wolfgang Woynar

Herzlichst Ihr Wolfgang Woynar


Typisches Beispiel im Pflegealltag


Ein 82 jähriger Mann kann schon seit längerer Zeit seinen Alltag nicht mehr wie früher regeln.

Angefangen hat es mit zunehmender Vergesslichkeit und Reizbarkeit, er hat alles nicht mehr so genau genommen wie früher. In der Wohnung fand er sich noch gut zurecht, draußen hat er schon mal Straßen verwechselt. Ganz alleine wäre er schon jetzt ziemlich hilflos gewesen, aber die dauernde Anwesenheit seiner Frau gab ihm den nötigen Halt. Seine Körperpflege führte er nicht mehr so penibel wie sonst durch, erledigte diese aber noch weitgehend selbständig. Seine Frau sorgte für den regelmäßigen Wechsel der Unterwäsche, alle anderen Verrichtungen erledigte er noch selbst. Ergebnis zu diesem Zeitpunkt: nicht pflegebedürftig (Stufe 0). Hilfe bei nur einer Verrichtung der Grundpflege, Zeitaufwand unter 45 Minuten pro Tag.
Monate später wurde es schlimmer, er hatte bei allem Widerworte und wurde zum Teil aggressiv und handgreiflich. Er vernachlässigte sich mehr und mehr. Auch konnte er „das Wasser nicht mehr richtig halten“ und nahm an Gewicht ab, da er das regelmäßige Essen und Trinken vergaß. Anleitung und Teilhilfen waren jetzt in allen drei Bereichen nötig, der Zeitaufwand für die Grundpflege lag nun bei 95 Minuten täglich.
Ergebnis zu diesem Zeitpunkt: erheblich pflegebedürftig (Stufe 1). Zeitaufwand mindestens einmal täglich von mehr als 45 Minuten, aber noch unter zwei Stunden pro Tag bei mindestens zwei Verrichtungen der Grundpflege. Die Ehefrau musste zwar rund um die Uhr anwesend sein, die reine Betreuungszeit außerhalb der Verrichtungen der Grundpflege konnte jedoch nicht angerechnet werden.
Ein halbes Jahr später hatte sich eine vollständige Inkontinenz von Darm und Blase ausgebildet. Wie im Säuglingsalter mussten jetzt regelmäßig Windeln angelegt und gewechselt werden. Er fand zuhause das Bad nicht mehr und seine Frau musste ständig auf der Hut sein, dass er stattdessen nicht eine Pflanze in der Ecke „aufsuchte“. Das Essen erledigte er nach Aufforderung zwar mechanisch, aber noch ausreichend, zum Trinken musste er häufiger angehalten werden. Seine Beweglichkeit war noch erstaunlich gut. Er schlief unruhig im gemeinsamen Ehebett, seine Frau musste ihn häufig zurück ins Bett bringen, da er sonst das Bett nicht wiedergefunden hätte.
Ergebnis zu diesem Zeitpunkt: bei einem Zeitaufwand von mehr als zwei Stunden aber noch unter vier Stunden in der Grundpflege wird Schwerpflegebedürftigkeit (Stufe 2) eingeschätzt. Die
Pflege wird jetzt zwar rund um die Uhr erbracht, entscheidend ist dann jedoch der Zeitaufwand im Bereich Grundpflege.
Einige Monate später wird sein Gehen immer schlechter und er liegt überwiegend im Bett. Er ist nur mit großer Mühe zu mobilisieren. Der eigene Antrieb ist weitgehend erloschen, er hat seine letzten
praktischen Fähigkeiten verloren, so dass er jetzt vollständig gefüttert werden muss und
insgesamt hilflos geworden ist. Der Pflegeaufwand besteht rund um die Uhr, auch nachts und liegt bei mindestens vier Stunden pro Tag. Ergebnis zu diesem Zeitpunkt: Schwerstpflegebedürftigkeit (Stufe 3).
Gerade das letzte Beispiel zeigt, welchen zeitlichen Aufwand ein Angehöriger mit einem Demenzkranken haben kann, der seine Alltagskompetenzen teilweise oder vollständig verloren hat. Der Blickwinkel bei der Einschätzung von Pflegebedürftigkeit war bisher rein verrichtungsbezogen, so dass dieser Betreuungsbedarf bei der Begutachtung unberücksichtigt bleiben musste. Das hat dazu geführt, dass sich viele Betroffene von der Pflegeversicherung im Stich gelassen fühlen.
Die Pflegeversicherung in ihrer jetzigen Form hat bereits viele Verbesserungen für Pflegebedürftige und Pflegende gebracht, aber auch Schwachstellen deutlich werden lassen.
Eine Überarbeitung und Weiterentwicklung ist daher notwendig, um den Ansturm der kommenden Jahrzehnte zu meistern. Die Pflegeversicherung muss – wie auch die anderen sozialen Sicherungssysteme – bezahlbar bleiben. Über die Formen der Finanzierung wird gestritten. Eines aber ist gewiss: eine Vollkaskoversicherung wird es niemals geben!




Dr. med. Wolfgang Woynar
Facharzt Allgemeinmedizin - Sportmedizin
E mail: woynar@hausarzt-bremerhaven.de


Die Pflegeversicherung


Die Notwendigkeit einer Pflegeversicherung ist unbestreitbar.
Aber um ihre konkrete Ausgestaltung, die daraus erwachsenden Regelungen zu Leistungen, Beiträgen und Organisation – darüber wurde und wird bis heute endlos lange gestritten.

Die Idee war einfach: Pflegebedürftigkeit ist ein allgemeines Lebensrisiko. Es führt für die Betroffenen und ihre Angehörigen zu großen psychischen, physischen und finanziellen Belastungen. Pflegebedürftigkeit bedeutet, bei lebensnotwendigen Verrichtungen des täglichen Lebens auf fremde Hilfe angewiesen zu sein. Dafür finanzielle und sachliche Hilfe bereitzustellen, ist Aufgabe der Pflegeversicherung.

Die Frage ist: In welchem Umfang?

Der politisch vorgegebene finanzielle Rahmen dieser fünften Säule der Sozialversicherung setzt Grenzen. Die Kosten von Pflegebedürftigkeit können bekanntlich nicht vollständig, sondern nur teilweise abgesichert werden. So kann es beispielsweise sein, dass bei Inanspruchnahme eines Pflegedienstes zur regelmäßigen Durchführung von Pflegeleistungen in der Grundpflege alle Versicherungsleistungen bereits verbraucht werden. Diese können im Einzelfall aber nur ein Bruchteil dessen sein, was tatsächlich täglich an notwendiger Hilfe erbracht werden muss. Die verbleibenden Pflegehandlungen müssen dann zusätzlich finanziert oder „vergütungsfrei“ von den Angehörigen geleistet werden.
Die wesentliche Zielsetzung der Pflegeversicherung war eine Verbesserung von Infrastruktur und Qualität in der ambulanten Pflege, um die Notwendigkeit von Heimunterbringungen und damit verbundenen hohen Kosten für die Sozialkassen zu verringern. Diese Zielrichtung wird unter dem Schlagwort – ambulant vor stationär – zusammengefasst.

 


Leistungsanspruch

Alle Versicherten sind pflegeberechtig, die eine Vorversicherungszeit erfüllt haben, wenn zusätzlich:

• die Pflegebedürftigkeit aus Krankheit oder Behinderung resultiert,
• voraussichtlich mindestens sechs Monate andauert und
• im Rahmen einer Begutachtung durch den Medizinischen Dienst mindestens erhebliche Pflegebedürftigkeit (Stufe 1) festgestellt wurde.